Sonntag, 12.6.16: San Francisco (…über Raumschiffe, Hippies und „a dead man walking“)

Und wieder ein herrlicher Tag in „unserer“ Stadt.

Wir hatten bei der Planung der Tour vor Monaten schon gesehen, dass wir genau an dem Wochenende hier in SF sind, wenn das alljährliche „Haight-Ashbury Street Fair“ stattfindet, von daher war der heutige Tag von vornherein dafür geblockt. Mit der U-Bahn bis Mission District (dem Latino-Viertel und ältestem Stadtteil von SF), dort zu Fuß die rund 3 km in den Hippie-Stadtteil Haight-Ashbury.

Unterwegs Halt gemacht an der Mission Dolores, dem ältesten festen Gebäude der Stadt > Juni 1776, in zwei Wochen ist der 240. Geburtstag. Die Mission hat glücklicherweise alle Erdbeben überstanden, und wurde sogar 1987 vom damaligen Papst Johannes Paul II besucht, auf dem ersten Höhepunkt der AIDS-Welle > interessante Bilder dazu in der Mission. Im Gift-Shop sieht Marika sogenannte „Mood-Ringe“ > bunte Ringe, die dir nach kurzem Tragen über die Veränderung der Farbe deinen „Gemütszustand“ aufzeigen. Das reicht dann von schwarz (ängstlich) über rot (unruhig) bis hin zu blau (sehr relaxt). Marika zieht einen an, und nach wenigen Sekunden war der Ring sowas von dunkelblau!!  Natürlich ist der Ring gekauft worden> so weiß ich immer, was mich erwartet😉

Auf dem weiteren Weg haben wir kurz das Castro gestreift, das Schwulen- und Lesbenviertel von SF > bunt wie immer.

Und dann das Straßenfest in der Haightstreet > das meist von uns benutzte Wort war „unglaublich“. Unglaublich, was da an skurrilen Outfits unterwegs war, und alles im Bereich der 60er und 70er Jahre. Wir haben uns nur bei wenigen getraut zu fotografieren, weil es sonst wie Gafferei ist. Wie bei unseren Festen ein Stand neben dem anderen, aber doch gab es deutliche Unterschiede: es wurde an KEINEM Stand Alkohol ausgeschenkt, es gab viele Stände von alternativen Gruppen und Organisationen, es war alles äußerst friedlich und einfach nur lustig.

An beiden Enden war jeweils eine Bühne aufgebaut, und vor allem Rock gespielt. Gleich bei der ersten Bühne fiel uns ein Herr auf, weit über 60, eher um die 70, der einen Tanz hinlegte, der alles hatte > das Foto dazu sagt mehr, als ich beschreiben kann.

Marikas zutreffende Beschreibung: Woodstock 2.

Alle 20-30 m ist man durch eine kleine, manchmal auch größere Graswolke gelaufen. Das dürfte – wie vor ein paar Tagen in Seattle schon mal – der ausschlaggebende Grund gewesen sein, dass Marika von sich aus (!!!) auf den weltbesten Plattenladen zeigte („Amoeba“, nach eigenen Aussagen über 50.000 Platten und CD’s, gefühlt eher das doppelte 😀😀) und meinte:“Ich warte hier, bis Du wieder rauskommst.“. Ich habe es geschafft, NICHT dort zu versacken, und als Belohnung gab es für Marika einen Live-Mitschnitt eines Konzertes von Carol King mit James Taylor (sogar neueren Datums).

Den musikalischen Abschluss auf der Hauptbühne bildete eine Gruppe, die in Originalbesetzung (damals noch als Jefferson Airplane) tatsächlich in Woodstock gespielt hatten > Jefferson Starship. Viele kennen (hoffentlich…) von ihnen Lieder wie „Somebody to love“ oder „White Rabbit“. Inzwischen haben einige (die wichtigsten) Mitglieder der Band das Raumschiff und diese Galaxie für immer verlassen und spielen vielleicht in irgendeinem Paralleluniversum…

Und unser heutiges Highlight sind zwei Gedichte. Bei jedem Besuch in SF und damit jedem Besuch in Haight-Ashbury gehen wir in ein kleines, alternatives Café („Café Cole“). Auch Feuerwehrleute und Polizisten sieht man immer wieder hier, ein schön gemischtes Publikum. Wir sitzen draußen und schauen dem Treiben zu, u.a. auch zwei Homeless People, die an den Ecken stehen und auf einen „Buck“ (= ein Dollar) hoffen. Ein ebenfalls recht ärmlich gekleideter Mann kommt aus uns zu, wahrscheinlich auch obdachlos, hat aber Zeitungen in der Hand, die er verkauft. Es ist tatsächlich die hiesige Obdachlosenzeitung „Street Sheet“, zum Preis von zwei Dollar das Exemplar. Marika gibt ihm fünf Dollar und sagt ihm, dass er den Rest behalten könne > er freut sich sehr, bedankt sich, geht weiter.

Ich schaue mir die Zeitung an. Auf der Titelseite steht oben als erstes, dass es dieses Mal keine normale Ausgabe gäbe, sondern die „2016 Annual Poetry Edition“ > diese Zeitung ruft einmal im Jahr Homeless People und ehemalige Homeless People dazu auf, Gedichte an sie zu abzugeben, um sie in dieser Poetry Edition dann zu veröffentlichen.

Ich habe gleich mal durchgeschaut: es gab kurze und lange Gedichte, mit und ohne Reimform, welche, an denen man hängen geblieben ist und welche, die man schnell überflogen hat. Zwei haben es mir sehr angetan. Wer nichts an Gedichten hat > einfach nicht mehr weiterlesen. Für die anderen: ich habe sie für diejenigen, die ebenfalls nicht flüssig englisch sprechen, (holprig) übersetzt, bis auf Titel und Kernsätze. Für diejenigen mit guten Englischkenntnisse: ich schicke euch gerne die Originale, denn bei meiner Übersetzung ist bestimmt ein Teil der Poesie verloren gegangen.

„Walking to Death“

Ich bin immer an einem Ort, wo man mich nicht braucht | und nur wenige Leute kümmert es, ob ich es schaffe | Meine Anwesenheit verschafft ihnen Unbehagen | Und sie vermeiden es, mich anzuschauen | wie bei einer missratenen Person | oder einem unsichtbaren Körper |

Ich war einst irgendjemandes Kind | voller Leben | Heute bin ich obdachlos | A dead man walking

By José M. Saldana

 

„The Displacement of Love“

Ich habe so viele Decken verloren, Toaster, Kinderbilder und Überbleibsel meines Herzens, als ich vertrieben wurde

Ich verlor Geflüster, Umarmungen und die müde Hand meiner Mutter

Ich verlor die Telefonnummer der besten Freundin, meine Kunst, Poesie, Waschmaschinen und meinen Lieblingsladen an der Ecke

Ich verlor meinen besten Freund, meinen Geliebten und meine Bushaltestelle

Ich verlor mein Zimmer, mein Fenster, den Mond und mich selbst

Ich bin so häufig hinausgeworfen und vertrieben worden, dass ich mich sogar nicht mehr erinnern kann, wen ich verloren habe

Aber dieses letzte Mal, da habe ich Dich verloren…

By tiny

Mission Dolores > hat alle Erdbeben überstanden.
Mission Dolores > hat alle Erdbeben überstanden.
Kurzer Schlenker übers Schwulen- und Lesbenviertel.
Kurzer Schlenker übers Schwulen- und Lesbenviertel.
Und immer wieder in den Straßen diese wunderschönen viktorianischen Häuser.
Und immer wieder in den Straßen diese wunderschönen viktorianischen Häuser.
Und die nicht-viktorianische Marika.
Und die nicht-viktorianische Marika.

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Alt und cool, oder einfach nur freakig.
Alt und cool, oder einfach nur freakig.
Der hier hat einen abgerockt , dass das Pflaster heiß wurde!!
Der hier hat einen abgerockt , dass das Pflaster heiß wurde!!
Das muss man einfach gesehen haben!!
Das muss man einfach gesehen haben!!
Werbung für Bernie Sanders...
Werbung für Bernie Sanders…
Himmel und Menschen, davon die Hälfte schön-schräg drauf...
Himmel und Menschen, davon die Hälfte schön-schräg drauf…
Was soll man dazu sagen...
Was soll man dazu sagen…
2 MA des St. Mary's Hospital. Auf meine Frage nach der Dienstkleidung außerhalb meinten sie:"Kein Problem, wird beim reingehen gewechselt."
2 MA des St. Mary’s Hospital. Auf meine Frage nach der Dienstkleidung außerhalb meinten sie:“Kein Problem, wird beim reingehen gewechselt.“

 

 

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